Lerche

L E R C H E N F L U G – texte inarbeit

Unter der Laterne

Lange hatte er unter der Laterne gestanden und auf Marlene gewartet. An diesem Abend kam sie nicht, er konnte es sich nicht erklären. Zwei lange, dunkle Wintermonate dauerte nun schon ihre Affäre. Beim ersten Mal hatte sie ihn gefragt, wie spät es sei. Da seine Uhr kein phosphoreszierendes Ziffernblatt besaß, trat er in den Schein der Laterne und antwortete ihr:

"10 Uhr, eine halbe Stunde noch bis zur Sperrstunde. Genug Zeit, gemeinsam ein Glas zu trinken."

Sie hatte ihn traurig angeschaut, ist aber dann doch mit ihm über die Straße in die Eckkneipe "Zum Zapfhahn" gegangen. Eine vornehme Gegend in der diese bürgerliche Kneipe lag, auf der Grenze zu einem Stadtteil, in dem Künstler und Intellektuelle wohnten. Während der Weimarer Republik hatten sich die Bewohner dieser beiden Viertel nicht um die standesgemäßen Grenzen geschert. Kurt wohnte dicht hinter dem Zapfhahn, die Laterne brachte fahles Licht in sein Arbeitszimmer, nun da er unter ihr stand, war er hell beschienen. Ein kunstvoll geschmiedeter Ständer trug die Arme, an denen zwei gasgetriebene Leuchtkörper hingen. Kurt musste bei diesem Anblick immer an das Lied vom Lampenputzer denken, der, obgleich Sozialdemokrat, lieber die Lampen vor den proletarischen Demonstranten schützte, als sich in die Einheitsfront einzureihen, die die KPD formieren wollte.

Wo Marlene nur blieb? Nach weiteren fünfzehn Minuten be-trat er den Zapfhahn, hängte seinen Hut an einen freien Haken und griff sich die Tageszeitung, bestellte sich beim Kellner ein Bier und setzte sich an den Tresen.

Beim Aufschlagen der Zeitung sah er direkt in ihre Augen: "Gesuchte Anarchistin durch die Gestapo verhaftet" Der Artikel war reißerisch aufgemacht: "Die seit mehreren Wochen polizei-lich gesuchte Anarchistin M. D. wurde gestern Abend in Berlin Zehlendorf gefasst. Die Gestapo hatte sie im Wedding vermutet. Ihr wird zur Last gelegt, mit ihren Genossen einen Anschlag auf die städtischen Gaswerke geplant zu haben. Die Gruppe wollte weite Teile von Zehlendorf von der Gasversorgung abschneiden, um im Schutz der Dunkelheit in Villen hochrangiger Parteifunk-tionäre ihre staatfeindlichen Aktionen durchführen zu können."

Knut schlug schnell die Zeitung wieder zu, trank in langen, großen Schlucken sein Bier, warf dem Kellner ein paar Münzen auf den Tresen und trat hinaus auf die von der Laterne hell be-leuchtete Straße. Er klappte seinen Mantelkragen hoch, zog den Hut tief ins Gesicht aber beides nützte nichts vor der aufsteigenden Kälte.


Aura

Ich hätte Rita fast nicht erkannt, an ihrem Stand auf der Messe Seele-Geist-Aura. Lange Gewänder verhüllten ihren gut gebauten Körper und das ehemals wallende Haar hatte sie in eine Igelfrisur verwandelt. Drei Jahre waren vergangen, seid ich meine frühere Freundin das letzte Mal gesehen hatte.

Und seid wann verkaufte sie Steine und tibetanischen Heilschmuck? Irgendwas musste mir entgangen sein. Ihren neuen Freund stellte sie mir als Wild Spring vor. Mit aneinander gelegten Händen verbeugte er sich und grüßt mit "Namaste". Seine Augen funkelten. Doch als er meinen Sticker gegen den neuen Bahnhof entdeckte, verschleierte sich sein Blick, sein Zeuslächeln erlosch. Warum ich meine Aura mit derartigen Aussagen durchlöchere und warum ich mein Karmakonto in den Keller fahren will, wollte er wissen. Nun ja, seit Jahren zieht dieses Projekt meine Energien ab und ich fühle mich schon ganz schlapp, entgegnete ich ihm. Aber wat mut dat mut, wie mein Freund Knut aus Hamburg zu sagen pflegt.

Wild Spring wandte sich um und griff nach zwei Räucherstäbchen, die er aus einer sandgefüllten Schale zog. Er kann Chakren zurecht rücken und Energieflüsse ordnen, flüsterte mir Rita zu. Hoch aufgerichtet, mit den Räucherstäbchen in den Händen, begann Wild Spring mich "abzuscannen". Dann nahm er meinen Gesinnungsbutton ab und warf ihn in eine Schale mit dampfendem Weihrauch. Die Stelle, an der der Button gesessen hatte, strich er mehrfach mit seinen feingliedrigen Händen glatt, tauchte sie in eine Schale mit Öl und knetete anschließend meine Ohren. Er beendete die Behandlung indem er an ihnen zog, wie es mein sadistischer Klassenlehrer von der Realschule immer getan hatte. Besser?, fragte der weißgekleidete Hüne. Kann ich nicht gerade sagen, meinte ich, eher, als wäre ich zwischen Fahrstuhltüren eingeklemmt. Also setzte er die Behandlung fort, nahm zwei Klangschalen am Band und stieß sie knapp über meinem Kopf aneinander. Meine Blütenblätter des tausendblättrigen Lotus am Scheitel-Chakra stellten sich abrupt auf, als rüsteten sie sich für einen Chakren-Wettbewerb. Anschließend scannte er mich wieder mit Räucherstäbchen, stellte sich hinter mich, umgriff mich mit seinen langen Armen und ließ mich kurz über dem Boden in der Luft schweben. Mir blieb durch den Druck auf den Brustkorb dieselbe kurz weg. Abrupt setzte er mich ab. Mir war schlecht, mir war schwindelig. Hey, wollt ihr nicht lieber ein Fahrgeschäft auf dem Wasen aufmachen? Dieser Satz führte offensichtlich zu negativen Punkten auf meinem Karmakonto. Böse Blicke trafen mich.

By the way, du hattest doch so große Probleme mit deiner Mutter und deiner Schwester. Rita zog mich am Jackett in die andere Ecke des Standes. Hier lagen unbehauene Steine. Suche zwei aus, einen für deine Schwester und einen für deine Mutter. O. k., deinen Vater kannst du auch in Stein bringen. Spontan griff ich einen langen eckigen, gab ihn Rita mit den Worten: meine Schwester. Nach meiner Mutter suchte ich länger, räumte eine ganze Steinhalde ab, bis ich sie fand, gleich daneben lag mein Vater. Beide gab ich Rita mit triumphierendem Lächeln.

Ich habe die Methode der Familienaufstellung nach Hellinger auf Stein übertragen, erklärte sie mir. Puh, ich fing an zu schwitzen. Sag mal, hast du was zu trinken? Sie gab mir eine Flöte und murmelte, bedien' dich am Himalaja-Sekt, derweilen stelle ich die Steine. Ich griff mir die Flasche aus dem Sekt-Kühler, trank gierig ein erstes Glas. Da sich das Stellen der Steine als nicht trivial herausstellte, trank ich noch ein zweites Glas und als sie fertig war und mit der Interpretation der Stellung begann, ein drittes. Ich hatte es gerade ausgetrunken, als sie von den allgemeinen Erklärungen zu den konkreten Einsichten überging. Diese konnte ich nur mit einem vierten Glas ertragen:

Deine Mutter und deine Schwester haben sich immer gegen dich ausgesprochen. Sie stehen zueinander und grenzen dich mit ihren Kanten eindeutig aus. Spürst du das?

Ich kann deutlich spüren, meine Mutter ist meine Mutter und meine Schwester hat mir als kleiner Junge immer wieder das Spielzeug weg genommen. Aber so, wie sie meinen Vater anschauen, das stimmt nicht. Es ist zu kalt. Er hat schon eine wichtige Rolle gespielt. Auch wenn er häufig auf Dienstreisen war und uns vernachlässigt hat.

Rita begann die Steine nach meinen Ausführungen auszurichten, was aufgrund ihrer Geometrie Fingerspitzengefühl und viel Geduld erforderte. Ich schenkte mir ein weiteres Glas des Spitzensektes ein. Plötzlich tauchten aus dem Nebel, den all die Räucherstäbchen in den Messehallen verursachten, meine Mutter und meine Schwester auf. Ich weiß nicht, was der Grund für den Schwindel war, der mich erfasste, der Alkohol auf nüchternen Magen, der Patchouli-Duft oder war es die Nachwirkung der Chakren-Behandlung. Alles drehte sich um mich, die von Rita gestellten Steine fingen an zu tanzen und meine Beine verloren ihre Standfestigkeit.

Rita klingelte mit ihren Himalajaglöckcken und binnen kurzer Zeit kamen zwei Herren von der Sakralen Security herbei geeilt, die Rita aber sofort wieder verscheuchte und nach jemandem von der HHF rief, der Himalaja Health Force. Der kam auch bald, er stolperte beinahe über seine langen Gewänder. Im Schlepp hatte er einen barfüßigen Chinesen mit einer Reisschüssel auf dem Kopf. Mit einer Art Riechsalz brachte er mich auf die Füße.

Moritz, ich bin dir ja so dankbar, bislang hatte ich keinen schlagenden Beweis, dass das mit dem Steinaufstellen funktioniert. Du wirst sehen, wenn du das nächste Mal mit deiner Schwester und deine Mutter zusammen triffst, wird sich vieles geändert haben.

Rita, du bist wie die Handleserinnen auf dem Jahrmarkt. Nur über meine Leiche werde ich meine Mutter wieder sehen. Sie ist seit einem Jahr tot!

Nun waren es ihre Beine, die ihr den Dienst versagten. Der barfüßige Chinese konnte gleich weiter machen. Ich schnappte mir den Rest des Himalajasektes und sah zu, dass ich vom Gipfel zurück ins Tal kam.