Lerche

L E R C H E N F L U G – texte inarbeit

Glück gehabt!

Das Wochenende fing nicht gut an für Kurt. Er wachte mit einem schrecklichen Kater auf. Gestern Abend war es spät geworden, Kollegen aus früheren Zeiten hatten ihn zu ihrem Stammtisch ins La Concha eingeladen. Er hatte Hasen in Knoblauch gegessen und dazu einen Liter spanischen Rotwein getrunken.

Im Bad schaute ihn ein müdes, mit Bartstoppeln übersätes Gesicht an und er glaubte nicht, dass es sein eigenes war. Er klappe die Spiegelschranktüren auf aber von der Seite sah es nicht besser aus. Sein riesiger Adamsapfel hüpfte, während er Wasser aus dem Zahnputzbecher trank. Den faden Geschmack von Knoblauch und zu vielen Zigaretten konnte Kurt mit Wasser nicht wegspülen, nur das ausgiebige Zähneputzen brachte etwas Besserung.

Er ließ heißes Wasser ins Waschbecken laufen, feuchtete seinen Rasierpinsel an und schäumte sich Backen und Kehle ein. Ein kaum wahrnehmbarer Sandelholzduft stieg ihm in die Nase. Er nahm eine neue Klinge und merkte nach der ersten, durch den weißen Schaum gezogenen Schneise, er hatte einen Fehler gemacht. Wut stieg in ihm auf, er warf den Rasierer auf den Beckenrand und wusch sich den Schaum aus dem Gesicht. Das Handtuch wurde blutig.

Unrasiert setzte er sich auf die Kloschüssel. Die Ellenbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in die Hände gelegt, so verharrte er unbeweglich, seine Blase wollte sich nicht entleeren. Gestern Abend hatte er bei den Erzählungen der älteren Kollegen über Altmännerbeschwerden und urologische Untersuchungen die Augen verdreht, flüchtete mit Peter in ein Gespräch über die immer jünger werdenden blonden Fernsehmoderatorinnen, die sich vom Bildschirm verabschiedeten, um sich dem stillen Mutterglück hinzugeben. Er saß, eingeholt vom gestrigen Abend, auf dem Klo und konnte nicht pissen und dachte an die Morgenlatten seiner Jugendzeit, die ihn beim Pinkeln behindert hatten. Mit einem Achselzucken brach Kurt die nutzlosen Versuche ab, spülte gewohnheitsmäßig und stelle sich unter die Dusche. Kurt dachte an das Gespräch über den Sekundenschlaf im La Concha. Wenn der ihn nun überkäme und er mit dem Hinterkopf auf den kalten Fliesen aufschlüge oder er auf einem glitschigen Stück Seife ausrutschte und damit zum gleichen Ergebnis käme? Er duschte mit heißem Wasser bis seine Haut rosa leuchtete, schaltete abrupt auf Kalt um und zuckte zusammen. Kurt verließ den feinen Nebel im Badezimmer mit einem Handtuch um die Hüfte geschlungen, setze einen Kaffee auf, schaltete das Radio ein. Die Nachrichten über die drohende Klimakatastrophe und die festgefahrenen Verhandlungen in Nairobi auf dem Weltklimagipfel waren das Letzte, was er an diesem Morgen gebrauchen konnte. Er brauchte etwas gegen seine Kopfschmerzen und griff zu einer Packung Aspirin. Die letzten zwei Tabletten drückte er aus der Packung und sah, wie sie sich im Wasser sprudelnd auflösten, musikalisch untermalt vom Knattern der Kaffeemaschine. Aspirin und Kaffee. Sein Körper reagierte wie gewöhnlich auf diese Mischung. Der Druck in seinem Kopf wurde geringer. Er trat auf den Balkon hinaus, atmete die frische Luft ein und glaubte, das Schlimmste überwunden zu haben.

Als er zwei Tage später aus dem Koma erwachte, wusste er, wie sehr er sich getäuscht hatte. Seine beiden Arme waren in Gips gelegt, wurden von Stahlseilen in schwebender Position über seinem Brustkorb gehalten. Sein Kopf war bis auf einen schmalen Seeschlitz bandagiert, Luft atmete er durch einen Schlauch, der in einem Sauerstoffgerät endete. Kurt blinzelte und versuchte den Kopf zu bewegen. Es gelang ihm nicht. Eine dunkelhaarige Krankenschwester näherte sich seinem Gesicht. Kurt blickte in mandelförmige Augen.

"Sie sind aufgeweckt, Hell Boden. Alle auf Station sind sehl glücklich dalübel."
Kurt hörte die Worte sehr gedämpft.
"Wo bin ich?"
"In Unfallstation von Gogs-Hospital. Sie haben einen schwelen Unfall gehabt. Viel Zeit geschlafen, Hell Boden."

Die Mandelaugen wurden aus seinem Blickfeld geschoben, ein breites, kantiges Gesicht tauchte auf. Es gehörte Dr. Oberhammer. Er war schlecht rasiert. Drei Schnittwunden zeigten die Ungeschicklichkeit des Besitzers. Wären nicht die sorgfältig gekämmten, frisch gewaschenen Haare gewesen, hätte Kurt gedacht, er hätte es mit einem aus der Unterwelt zu tun. In seinem Zustand blieb Kurt nicht viel anderes übrig, als Dr. Oberhammer und der asiatischen Krankenschwester Vertrauen entgegen zu bringen.

"Sie können sich nicht vorstellen, welches Glück Sie gehabt haben, Herr Boden. Sie sind mitsamt ihrem Balkon aus dem dritten Stock abgestürzt. Das Haus hätte schon vor Jahren saniert werden müssen aber Sie wissen ja, wie wenig Geld der Berliner Senat in die Wohnungen der SENA steckt. Kaum hatte der Krankenwagen Sie abtransportiert, riss eine Gasexplosion den rückwärtigen Teil des Hauses ab. Ich bin mir nicht sicher, ob drei Tage ausgereicht hät-ten, wären Sie vom Balkon wieder in Ihre Wohnung zurück gekehrt. Sie müssen einen guten Schutzengel haben."


Reden Sie noch oder telefonieren Sie schon?

Der ICE gleitet in den Kopf-Bahnhof. Eine majestätische Erscheinung zu der seine vom Regen verdreckte Spitze nicht so recht zu passen scheint. Genau vor mir hält Wagen neununzwanzig. Meine fürsorgliche Sekretärin hat in diesem Wagen einen Platz für mich reserviert. Ich bin froh, aus der überfüllten S-Bahn in den Zug umzusteigen und freue mich auf drei Stunden entspannter Lektüre. Ich kann mich nur unter großen Mühen zu meinem Platz durchschieben, der schwere Koffer behindert mich. Ein Teil des Zuges fehle, verkündet die krächzende Lautsprecherstimme des Zugführers. In keinem Wagon seien mehr Plätze frei. Die Durchsage wird in Englisch mit stark schwäbischem Akzent wiederholt und bringt die Bewegung der zugestiegenen Gäste fast völlig zum Erliegen.

Einem jungen Geschäftsmann zeige ich meine Reservierung, die ihn überzeugt, meinen Platz freizugeben. Er flucht auf den ausgefallenen Zugteil. Nun steht er im Gang, klappt seinen Laptop zu und schiebt sein Handy auf. Damit wird er nicht viel Glück haben, denke ich noch, aber schneller als erwartet, hat er eine Verbindung zustande gebracht und beginnt ein lautstarkes Telefonat. Er herrscht eine Frau Kowalewski an, dass er schon wieder ohne Platz von München nach Frankfurt fahren würde, diesmal hätte sie den Platz in einem Wagen gebucht, der gar nicht fahren würde. Nein, sie könne nichts dafür. Die Bahn überprüfe nach einem Beinaheunfall alle Wagons. Aber mit irgendeinem müsse er doch über seine beschissene Situation sprechen und ob sie schon das Angebot geschrieben hätte, das er ihr gestern auf den Schreibtisch gelegt hat. Seine abgehackten Sätze unterstreicht er mit heftigem Reiben von Daumen und Zeigefinger. Er hört sich offensichtlich eine längere Erklärung von Frau Kowalewski an, denn in den nächsten Minuten kommentiert er das, was an sein Ohr dringt, nur mit kurzen "eh", "ok" und "hmhm". Nach fünf Minuten beendet er das Gespräch.

"Da haben Sie aber Glück gehabt, dass der Faden nicht gerissen ist." Verständnislos blickt er mich durch seine Goldrandbrille an, die er mit leichtem Druck des Mittelfingers auf den Mittelsteg in exakte Position zurück bringt. Kleine Schweißperlen haben sich auf seiner Oberlippe gebildet.

Ich deute mit Daumen und kleinem Finger ein Telefon an und halte es mir ans Ohr: "Zu viele Tunnel auf der Strecke von Stuttgart nach Karlsruhe, da reißt die Verbindung doch regelmäßig ab."

Er deutet mit seinem ausgefahrenen Telefon auf meine Fensterscheibe: "Ist ein Handywagen, die haben in Wagen mit diesem Zeichen Repeater eingebaut, da reißt so schnell kein Faden, wie Sie sich ausdrücken."

Ich drehe mich zur Scheibe, da klebt eine Aufkleber mit einem stilisierten Handy. "Ich buche immer einen Wagen mit diesem Zeichen." Er schiebt sein Telefon zusammen und lässt es in seinem Mantel verschwinden.

"Ihre Sekretärin", präzisiere ich.

"Meine Assistentin, das heißt bei uns Assistentin. Sekretärinnen gibt es schon lange nicht mehr." Er greift wieder nach seinem Telefon, das sich mit einem Westensong meldet. Diesmal ist offensichtlich seine Frau am Apparat, es geht um eine Einkaufsliste und Weinsorten. S ein Ton wird unterwürfig, die Sätze weicher. Er kriecht fast in sein Telefon und lockert den Knoten seiner blau-rot gestreiften Krawatte. Wieder kann er das Gespräch ohne Unterbrechung beenden.

Ich verwette meinen Füllfederhalter darauf, neunzig Prozent der Reisenden im Zug haben ein Handy dabei. In meiner Zehn-Prozent-Gruppe sind Rentner über siebzig und Kleinkinder vertreten. Ich sage bewusst Kleinkinder. Immer mehr Eltern stecken den Kindern bereits ein Handy in die Schultüte.

Zwei Handys erklingen polyphon: Der Goldrandbebrillte zieht diesmal ein weißes Gerät von der Größe einer Tafel Schokolade aus der Tasche. Mein Tischnachbar zieht ein Handy hervor, das vor zwanzig Jahren nur in einem James-Bond-Film zu sehen gewesen wäre. Er kann in der Zeit, bis seine Mailbox anspringt, das Gespräch nicht entgegen nehmen. Seine abgeplatteten Fingerkuppen sind deutlich größer als die Tasten auf seinem Telefon.

Goldrandbrille spricht in seine Schokolade. Kaum hat er das Gespräch beendet, dreht er das Teil um neunzig Grad und beginnt, die Scheibe seines Telefons zu streicheln. Mit dem Zeigefinger streicht er über das Display und drückt wie ein Magier auf bestimmte Stellen. Mit angespannter Mine liest er Botschaften vom Bildschirm. Dann berührt er ein letztes Mal mit dem Finger die glänzende Scheibe, dreht es in die vertikale Lage zurück und stöpselt ein Paar weiße Ohrhörer an. Wieder tippt er auf die Scheibe und lässt das Gerät in seiner Anzugsjacke verschwinden. Leicht wackelt er mit dem Kopf.

Mein Nachbar hat nun offensichtlich eine Verbindung zu demjenigen zuwege gebracht, der ihn gerade angerufen hat: "Du hast mich angerufen?", fragt er reflexartig, sein James-Bond-Handy hat ihm längst den Anrufer verraten. Die Verhaltensweisen der Leute ändern sich langsamer als der technische Fortschritt. "Ja, Lisbeth, ich habe drei Paar warme Socken eingepackt. Und das Buch für Lena und den kleinen Kran für Paul." Angespanntes Lauschen und dann, mit leicht zornigem Unterton: "Nein, habe ich nicht vergessen!" Die Worte fallen ihm zusammen mit winzigen Tröpfchen aus dem Mund. Er verdreht die Augen. Warte, denke ich, wenn sich das Bildtelefon erst durchgesetzt hat, dann bekommst du Schläge. Vor zehn Jahren hätte ich gesagt, das wird er nicht mehr erleben.

Meine Tischnachbarn steigen in Mannheim aus. Opa wuchtet seine Reisetasche mit dem Bilderbuch und dem Kran für seine Enkel durch den Gang. Ich atme auf.

Goldrandbrille setzt sich auf den freien Platz mir gegenüber. Er nimmt die Kopfhörer aus den Ohren und zieht sein Django-Handy aus dem Anzug. "Schaumberg", meldet er sich, "ich bin pünktlich in Frankfurt, könnten Sie mich zur Zentrale mitnehmen? Ich würde an der Coffee-to-Go-Bar beim Gleis sechzehn auf Sie warten." Nervös trommelt er mit den Fingerkuppen auf dem Tisch und lauscht auf die Antworten auf seine Vorschläge. "Super, dann bis gleich!"

Neue Fahrgäste strömen herbei, die freien Plätze meines Vierertisches werden von zwei Geschäftsleuten besetzt, die sofort ihre Handys aus der Jacke ziehen, sobald sie sitzen. Bald bin ich von telefonierenden Männern umgeben. Mein Nachbar zur Linken schafft es, gleichzeitig zu telefonieren und auf seinem Blackberry E-Mails zu beantworten. Sein Gespräch wird immer einsilbiger. Er legt auf und wählt neu, wobei er die Nummer von dem Display des zweiten abliest. Bei dem Typ mir gegenüber klingelt das Handy.

"So lange brauchen Sie nicht zu warten!", entgegnet der mir gegenüber sitzende Müller, klappt sein Handy zu und reicht seinem verdutzt schauenden Gegenüber die Hand.


Der Kampf mit dem Buchungssystem - Ein Briefwechsel

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 5. Juni wollte ich eine Fahrkarte über das Internet buchen, es ist mir nur teils gelungen. Die Buchung hat mich am 5. Juni etwa 2 Stunden gekostet, etliche Gespräche mit der Hotline, die mir auch nicht weiter helfen konnte. Die Rückfahrkarte für die Fahrt meiner Frau konnte ich nur zu erhöhtem Preis am Schalter buchen. Das war der einzige Weg, nach wiederum langem, erfolglosen Probieren und Telefonaten mit der Hotline am 6. Juni. Wie kam es dazu?

Ich wollte Punkte für die Hinfahrt einlösen, meine Frau hätte nach meinem Kenntnisstand umsonst fahren können. Ging aber nicht, da der Punktestand von 1930 nur mir eine Freifahrt gewährt, meiner Frau auf der Familienkarte erst ab 2000. Am 30.6. verfallen mir aber 609 Punkte. Die freundliche Dame vom Bonusprogramm hat mir angeboten, mir einen Speisewagen-Gutschein (500 Punkte) zu schicken. So konnte meine Frau zumindest im Speisewagen essen. Hatte man mir so gesagt, oder ich wollte es so hören.

Es kam ein Gutschein im Wert von 5 €. (Wie gesagt, für 1500 Punkte könnte ich quer durch die Republik fahren). Ich war wirklich wütend. Aber Wut bringt einen ja bekanntlich nicht weiter.

Die Buchung klappte nicht, weil ich zwei Gutscheine einlösen wollte, nachdem das mit der Freifahrt aufgrund des Punktestandes nicht funktioniert hatte. Diese wurden allerdings nicht vom System angenommen. Es erschien die Meldung: "Die Zahlungsweise wird nicht akzeptiert".

Leider half auch der Tipp von der Hotline nicht, statt Lastschriftverfahren Kreditkartenzahlung auszuwählen. Warum, konnte der Kollege von der Hotline mir nicht erklären, er stand selber ratlos da. Er meinte aber, ich solle den ganzen Vorgang an:

fahrkartenservice@bahn.de

schicken, die würden daraufhin die Buchung für mich machen. Auch das erwies sich als Sackgasse. Ich erhielt folgende Antwort:

Sehr geehrter Herr Seehoff,
vielen Dank für Ihre E-Mail.

Sie können Ihre Fahrkarte gerne selbst in Internet buchen oder rufen unser CallCenter unter der Hotline 01806 996633. Diese Hotline ist 24 Stunden täglich geschaltet.

Es würde uns freuen, Sie auch weiterhin auf unseren Seiten und in unseren Zügen begrüßen zu dürfen.
Helfen Sie uns unser Angebot und unseren Service weiter zu verbessern. Beantworten Sie dazu bitte nachfolgende Fragen unter www.bahn.de/serviceumfrage Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Service-Team von www.bahn.de


Sie können sich die Frustattacke vorstellen, die mich ereilte.
Wieder die Hotline angerufen. Diesmal die Auskunft: "Nein, dieser Weg führt nicht zu einer Fahrkarte."

Den nächsten, verzweifelten Bahnangestellten traf ich im Reisezentrum:
Ich hatte mich entschlossen, die Fahrkarte dort zum höheren Preis zu kaufen. Als er meine Fahrkarte im Wert von 79,25 € mit meinen beiden Gutscheinen im Wert von 80 € verrechnen wollte, streikte sein System. Der Filialleiter stellt einen Warengutschein aus, um das System zu überlisten. Es gelang nicht. Daraufhin nutze der Schalterbeamte eine nicht genehmigte Tastenfunktion, um die Buchung abzuschließen und gegen Vorlage einer Quittung zahlte er mir 75 ct aus. An dieser Stelle möchte ich dem mutigen Schalterbeamten in Stuttgart Bad Cannstatt ausdrücklich danken.

Ich frage mich, wie soll ein einfacher Bürger mit diesem orwellschen System zurecht kommen? Ich bin als Bediensteter einer Telekommunikationsfirma mit dem Internet auf vertrautem Fuß. Aber was ich hier erlebt habe, spottet jeder Beschreibung. Mein Schwiegervater wäre verzweifelt, meine Frau verrückt geworden, meine Schwester wäre nie wieder Zug gefahren. Mich hat nur meine Meditationspraxis und mein Humor gerettet.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte Sie bitten zu überlegen, wie sie die EDV-Qualen, die ich erlitten habe, wieder gut machen können. Auf einen Vorschlag dazu von Ihrer Seite mit Spannung entgegen sehend verbleibe ich:

Mit (wieder) freundlichen Grüßen
Lerchenflug

PS. Hätte ich den Brief umgehend geschrieben, wäre die Grußzeile anders ausgefallen.

DOT


Der kleine Ausflug

Ich schaue in deine weit aufgerissenen Augen. Angsterfüllt und gleichzeitig voller Neugier. Du siehst die Welt auf dem Kopf stehend, seit dich der Wahnsinn an die Hand genommen hat.

Mit ausladender Bewegung schwingst du die Krücke, dein Schwert der Rache für all die Jahre, eingesperrt in die kleine Ehewelt. Flugzeuge wolltest du steuern oder mindestens vierzig Kinder. Nicht nur drei und den Mann im Hintergrund, neidisch auf das Leben der Unbezwingbaren. Jahrelang Galle geschluckt, alles getragen bis es nicht mehr ging, dann erst die Hüfte erneuert wie eine Schrankwand aber du wusstest plötzlich nicht mehr, was hineinstellen. Die Veränderung warf dich aus der Bahn und dann starb dein Mann und dann warst du frei und konntest nichts mit der Freiheit anfangen, längst warst du dem Alter versprochen. Das lässt niemanden aus dem Haus.

Du fragst, nehmen wir mein Auto oder deines oder das Flugzeug. Du willst das Flugzeug nehmen, es steht aufgetankt am Ende des Plattenweges. Du schiebst deinen Rollator geradewegs darauf zu und kannst nicht einsteigen, es verdampft in deinem Wahn. Der keiner ist. Nur Blaupausen deiner Träume. Der Krieg und der Mann und die Kinder haben sie ausradiert. Der Wahn spült sie an die Oberfläche. Noch bist du der Meister deiner Phantasien. Nicht mehr lange und die bunten Tabletten werden die Herrschaft übernehmen, mit denen du jetzt jede Nacht ruhig gestellt wirst. Beim letzten Mal haben die Lederbänder deine Handgelenke zerschnitten und meine Schwester schimpfte mit dem Bodenpersonal. Das darf sich nicht wiederholen: Nicht mit dem Bodenpersonal schimpfen! Alles gerät hier durcheinander und der Start wird verschoben, obwohl kein Nebel herrscht und das Schneetreiben erst in zwei Monaten einsetzt. Wenn Schnee fällt, nimmt du das Flugzeug nicht für deine kleinen Ausflüge.

Gut, nehmen wir das Auto und du verzichtest auf das Steuer, wie so oft in deinem Leben verzichtest du, hast immer alles hinten angestellt, solange du funktioniert hast. Was sollen die Nachbarn sagen, wenn du nicht hinten anstehen würdest. Nur in der Kirche wagtest du dich ganz nach vorne in die erste Reihe. Der Priester schaute dich oft merkwürdig an und keiner bekam mit, dass all die Sünden, von denen er sprach, bei dir lagen. Die hinter dir Stehenden schauten durch dich hindurch. Du warst nicht nur klein, jetzt warst du auch noch durchschaubar. Die Sünden und deine Gefühle wurden vom Geruch des Weihrauches verdeckt. Mehr Rausch gestandest du dir nicht zu.

Die wiederkehrenden Familienfeste. Die immer gleichen Gesichter. Der Pflaumenkuchen mit Sahne. Warum schmeckte er so anders? Du hast Tränen statt Milch genommen. Damit machtest du den Teig geschmeidig. Du hast kleine Stücke von den Eierschalen hineinfallen lassen, auf die ich biss. Harte Schale, weicher Kern. Geschützt durch eine Fassade aus Freundlichkeiten.

Erst als die Schmuddelkinder ungefragt in die Wohnung kamen, das Sofa beschmutzten, bist du erstarrt. Nicht die Schmuddelkinder ließen dich erstarren, du hattest Freude an ihnen. Dein Mann griff unverzüglich zum Holzlöffel, mit dem du eben noch den Teig gerührt hattest und verprügelte die Kinder. Dabei wollten sie nur ein Stück von der Welt, die draußen, außerhalb der Wohnung lag. Am liebsten wärst du gleich mit ausgezogen, nach Berlin gegangen, hättest dich in das Café am Kuhdamm gesetzt. Deine Angst vor Prügeln war genauso groß wie die der Kinder aber dein Mut viel kleiner.

Ich starte den Wagen. Er will nicht anspringen. Trete beim Starten auf das Gaspedal. Komm schon, lass mich nicht im Stich, bitte nicht jetzt. Sonst müssen wir zurück in das Heim. Morgen kann ich nicht kommen und das Wetter soll am Wochenende schlechter werden. Du hattest dich auf diesen Ausflug gefreut.

Hätten wir nur das Flugzeug genommen. Wir wären jetzt schon in Berlin, könnten im Grunewald meinen Mann besuchen gehen. Von wem sprichst du? Meinem zweiten Mann, dem Chirurgen. Er hat mir die Hüfte operiert. Ach der, ja der war nett, nicht so wie Papa. Rede nicht so von deinem Vater. Papa hat euch immer gut behandelt.

Endlich springt der Wagen an.

0

Mittagsruhe

Ich kann das nicht mehr hören, jeden Tag die gleichen Anweisungen vom Personal, um die dementen Alten dazu zu bewegen, zu essen, zu trinken. Elisabeth sitzt jeden Mittag vor ihrem vollen Teller und fragt, was gibt es heute zu essen?
Sieht sie doch, ist doch nicht blind wie Ruth. Ruth nimmt sofort den Löffel, kaum sitzt sie vor ihrem Teller, matscht das Essen zu Brei und schaufelt es sich in den Mund, schmatzt dabei in ihrer Dunkelheit, bekommt nicht mir, wenn sie strafend angesehen wird, wie auch, sie ist ja blind. Fürchtet sie sich nicht in der Dunkelheit vor ihren eigenen Geräuschen? Mich würde das Schmatzen in der Dunkelheit grausen. Schwerster Dorit ermahnt sie, leiser zu essen. Sie entgegnet entrüstet, ich bin still wie ein Mäuschen. Von wegen! Bei allen Mahlzeiten das gleiche Spiel. Oder Gertrud. Nach dem Essen begleite ich sie auf ihr Zimmer, sie wohnt gleich zwei Zimmer weiter. Vor ihrer Tür fragt sie mich, und wen wollen wir besuchen? Getrud, sage ich, Sie wohnen hier, es ist Mittagsruhe und Sie müssen sich hinlegen und sie wieder, aber nicht in dieses fremde Zimmer. Dabei wohnt sie schon fünf Jahre darin, sie war schon da, als ich kam. Dann ruft sie nach der Schwester. In allen Tönen ruft sie nach der Schwester: Huhu, huhuhu, huuuhuuuhuhuhu, uhuhuhu. Bis die Schwester kommt und sie ins Bett steckt. Wenn ich mich ins Bett legen würde, käme ich zum Kaffeetrinken um vier Uhr nicht mehr hoch. Würde bis zum Abendessen durchschlafen. Wobei der Nachmittagskaffee das Schönste am Tag ist. Ein süßes Stückchen und eine Tasse Kaffee. Das Himmelreich auf Erden. Wenn sie nur ab und zu Sahne reichen würden. Und mehr Obsttorte. Einmal die Woche ist zu wenig. Habe mit der Heimleitung gesprochen. Die ist richtig frech geworden. Was ich wolle, in anderen Häusern wäre der Kaffee am Nachmittag längst abgeschafft. Keinen Kuchen, weder Obstkuchen noch trockenen Kuchen. Und keinen Kaffee. Den schaffen sie bei uns heimlich ab. Ich merke das. Der Kaffe wird von Jahr zu Jahr dünner. Früher musste ich mir Wasser dazu gießen, so stark war der Kaffee. Heute besteht er fast nur noch aus Wasser. Blümchenkaffee sagte meine Mutter dazu. Sie würde lieber Tee trinken statt dünnen Kaffee. Im Krieg, hat sie mir erzählt, haben wir den Tee immer wieder aufgebrüht. Ein Beutel wurde eine ganze Woche lang immer wieder mit heißem Wasser überbrüht. Gab ja nichts und zum Tauschen hatten wir nichts mehr. Alles vom Feuersturm in Wandsbeck weggefegt. Das große Reinemachen der Engländer. Wenn der Kaffee zu dünn wurde, trank sie Tee wie die Engländer, die ihr den letzten Teebeutel verbrannt haben. Wer sich Kaffee nicht leisten kann, sollte lieber Tee trinken und abwarten. Das hat sie immer gesagt. Langsam schaffen sie den Kaffee ab und den Kuchen ersetzen sie durch kleine süße Teilchen und dann gibt es in der Woche nur noch Plätzchen, so verkrümelt sich der Kuchen.
"Kaffeezeit, Frau Wollnicki, wollen Sie heute wieder keinen Kaffee trinken?"